Paul Nielsen lädt zum Dinner

Paul Nielsen lädt zum Dinner

Mit Porto hatte das Software Engineering Institute (SEI) eine wirklich nette Location gewählt für die diesjährige SEPG Europe, die europäische Konferenz für Prozessverbesserung nach CMMI. Die zweit-größte Stadt Portugals ist Namensgeber ihres Landes und bekannt durch den Portwein. Zahlreiche Weinkellereien reihen sich am Ufer des Flusses Douro.

Als besonderes Highlight wurde für alle Teilnehmer und Gäste (einige flogen Ihre Partner ein) am Mittwoch-Abend ein Bootsausflug auf dem Douro veranstaltet, der schließlich bei der Kellerei Taylor’s endete mit einer kurzen Führung und anschließendem Dinner. Die Terrasse bot einen fantastischen Blick über die Altstadt von Porto an der anderen Uferseite.

Die Konferenz selbst fand in der Universität von Porto statt, genauer an der Engineering-Fakultät. Zahlreiche leerreiche Vorträge, Networking zwischen Prozessexperten aus Europa und den USA und interessante Keynote Speaker machten auch die diesjährige SEPG zu einem Highlight. Nächstes Jahr geht es nach Dublin (Irland) unter dem Thema Power the process.

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Seite 620ff.

Nachdem Code Junkie Basti, unser Projektleiter Andreas und Q-Mann Wolfgang nun ihre kleinen Meinungsdifferenzen über das richtige Maß an Formalität von Peer Reviews beseite legen konnten (siehe Artikel Wieviel Review hätten’s denn gern?), fragen sich die drei aber heute, was denn eigentlich CMMI zu den Peer Reviews sagt.

“Pah, nichts wird drin stehen”, meckert Wolfgang; er ist noch nicht wirklich überzeugt, dass dieses neumodische Modell wirklich mehr bringen soll als sein verehrter ISO-Standard. Währenddessen blättert Andreas in der deutschsprachigen Ausgabe des Buches: “Doch, hier hinten im Glossar ist es schon mal erwähnt. Peer-Review: Prüfung von Arbeitsergebnissen durch Gleichrangige während der Entwicklung der Arbeitsergebnisse, um zu beseitigende Mängel zu entdecken.“, zitiert er. Basti guckt grinsend hinter seinem Laptop hoch. Er hat sich inzwischen das PDF gezogen und nach dem Begriff durchsucht. “Mehr zur Durchführung von Peer-Reviews steht im Prozessgebiet Verifizierung“, findet er heraus.

Und tatsächlich! Auch wenn CMMI kein eigenes Prozessgebiet für Peer Reviews vorsieht, widmet es den Prüfungen durch Gleichgestellte doch ein eigenes Spezifisches Ziel, nämlich Specific Goal (SG) 2 im Prozessgebiet Verifizierung: “Peer-Reviews werden für ausgewählte Arbeitsergebnisse durchgeführt”. Als Ziel ist es ein erforderliches Element in einem Appraisal – an Peer Reviews kommt also keiner herum, sollte auch keiner, wie wir schon gelernt haben (siehe Artikel Was bringen Peer Reviews?).

Die drei Practices, die das Ziel dann aufweist, sind recht simpel zu verstehen, nämlich

  1. Peer-Reviews vorbereiten
  2. Peer-Reviews durchführen
  3. Daten aus Peer-Reviews analysieren

VER SP 2.1 Peer-Reviews durchführen

Die genannten Schritte zur Vorbereitung könnten sich auch in der Beschreibung einer Peer Review Methode wiederfinden. Hier geht es darum, für jedes einzelne Peer Review zu entscheiden, wie formal es durchgeführt werden soll, wer die Prüfer sind, welche Metriken erfasst werden sollen und wie die Ein- und Ausgangskriterien lauten. Hier geht es um Review-Checklisten zu bestimmten Arbeitsergebnistypen, um die Festlegung der Zeitpunkte von Peer Reviews (Peer-Review-Zeitplan) und darum, dass der Autor oder Reviewleiter das Reviewobjekt rechtzeitig verteilt.

Die meisten dieser Punkte sollten grundsätzlich festgeschrieben sein, bspw. in der Peer Review Guideline und einer entsprechenden Vorlage für das Reviewprotokoll.

VER SP 2.2 Peer-Reviews durchführen

Hier geht es nun um das Auffinden von Fehlern und Unzulänglichkeiten im untersuchten Arbeitsergebnis. Fehler und offene Punkte werden dokumentiert, damit der Autor sie lösen kann. Ein weiteres Peer Review des selben Arbeitsergebnisses kann erforderlich sein.

VER SP 2.3 Daten aus Peer-Reviews analysieren

Measurement and Analysis lässt grüßen in dieser Practice. Definierte Metriken werden erhoben und für künftige Analysen gespeichert. Dabei ist insb. in Deutschland auf datenschutzrechtliche Sicherung zu achten. Die erhobenen Daten sollten nicht zur Leistungsbewertung von Mitarbeitern verwendet werden können.

Sinnvolle Daten könnten die folgenden sein:

  • Produktname und Produktgröße zur Klassifizierung der Daten
  • Zusammensetzung des Review-Teams (Rollen)
  • Art (Formalität) des Peer Reviews
  • Vorbereitungszeit aller Prüfer und Dauer der Review-Besprechung
  • Größe des Arbeitsergebnisses bspw. in Anzahl Zeilen
  • Anzahl, Schwere, Typ, Ursprung der Fehler
  • Phase, in der die Fehler gemacht wurden

Es ließen sich daraus gewisse Metriken errechnen, die man im Laufe der Zeit optimieren könnte:

  • Erkennungsrate: Anzahl Fehler / Anzahl Zeilen
  • Erkennungseffizienz: Anzahl Fehler / Benötigte Zeit

Sie sehen, CMMI verlängt Peer Reviews und zwar nicht nur die Durchführung, sondern auch die Analyse und damit die ständige Verbesserung des Prozesses. Die Process Area Verification ist auf Maturity Level 3.

CMMI-Buch jetzt auch auf deutsch

Mike Phillips ist Program Manager für CMMI beim Software Engineering Institute (SEI), Herausgeber des bekannten Prozessmodells. Sandy Shrum ist eine der Hauptautoren des SEI und als solche auch Co-Autorin des CMMI-Buches, das im Vergleich zur kostenlosen Download-Version noch zahlreiche hifsreiche Randnotizen enthält.

Die beiden haben kürzlich einen Artikel in einem Online-Journal über Software-Engineeing im Defense-Bereich veröffentlicht, wo sie erste Einblick geben in die neue Version der CMMI Product Suite, die im November 2010 freigegeben wird. Die Neuerungen betreffen sowohl CMMI for Development (CMMI-DEV), als auch die neueren Modelle CMMI for Acquisition (CMMI-ACQ) und CMMI for Service (CMMI-SVC), das erst letztes Jahr freigegeben wurde. Alle Modelle haben derzeit die Versionsnummer 1.2.

Das CMMI V1.3 Projekt begann Anfang 2009 und betrachtete im Laufe des letzten Jahres über 1.150 Change Requests zu den CMMI-Modellen und 850 zu der SCAMPI Appraisal-Methode. Einige Schwerpunkte bei der Entwicklung der neuen Version sollten liegen auf den Themen (a) High Maturity, (b) effektivere Generic Practices, (c) effizientere Appraisals und (d) Gemeinsamkeiten der CMMI-Konstellationen. Jede Änderung an der CMMI Product Suite sollte klar definierten Kriterien entsprechen. Neben vielen angestrebten Verbesserungen seien die folgenden besonders hervor zu heben:

Mehr Klarheit für High Maturity

Die Ergebnisse eines SCAMPI Appraisals reflektieren üblicherweise die Reife (maturity) einer Organisation; man unterscheidet grob in High Maturity und Low Maturity. Die Practices aber, die gegenwärtig High Maturity zugeschrieben werden, sind unklar und führen zu unterschiedlichen Interpretationen. Eine Anstrengung sei daher, ein gemeinsames Verständnis der High Maturity Practices zu erlangen. Dabei sollen insb. die folgenden Punkte geklärt werden:

  • Die Rolle des informativen Materials in High Maturity Appraisals
  • Bedeutung und Verwendung von Prozessmodellen und Prozessmodellierung
  • Inwiefern Geschäftsziele mit High Maturity zu tun haben oder dazu führen
  • Was Common Causes (inhärente Ursachen) sind und wozu sie benutzt werden
  • Was die High Maturity Erwartungen bzgl. der einzelnen Process Areas sind
  • Die Auswahl, Definition und Instanziierungstiefe von Subprozessen

Gemeinsamketien der Konstellationen

CMMI-ACQ und CMMI-SVC wurden auf CMMI-DEV aufgebaut. Es gibt 16 Process Areas, die in allen Modellen vorkommen (die sog. Core Process Areas) und teilweise schon erneuert wurden. Trotzdem könnten noch einige Unterschiede zwischen den Modellen eliminiert werden, um die drei Modelle konsistenter erscheinen zu lassen und leichter zusammen zu verwenden.

  • Die Core Process Areas sollen in allen drei Modellen möglichst viele Gemeinsamkeiten aufweisen, können aber unterschiedliches erwartetes und informatives Material enthalten.
  • Integrated Teaming wird in CMMI-DEV in zwei Goals abgedeckt, während es in den anderen beiden Modellen zwei Specific Pracices in zwei Process Areas geben wird.
  • Es wird sechs Process Area Categories geben: Process Management, Project Management, Support, Engineering, Acquisition und Service Establishment and Delivery. Core Process Areas sind einer der ersten drei Kategorien zugeordnet, die Modell-spezifischen Process Areas einer der letzten drei. Konsequenterweise wird damit wird Requirements Management als Core Process Areas der Kategorie Project Management in allen drei Modellen zugeordnet.
  • Die Generic Goals und Generic Practices werden derzeit unterschiedlich präsentiert in den einzelnen Modell-Ausgaben. Das wird vereinheitlicht werden in Version 1.3.
  • Das Glossar ist derzeit inkonsistent über die drei Modelle hinweg und wird vereinheitlicht werden. Weiterhin wird man Definitionen von anderen Begriffen unterscheiden können.

Modernisierte Practices

In verschiedenen Process Areas werden Verbesserungen vorgenommen, um aktuelle Best Practices abzudecken:

  • Hilfen zur Interpretaton bei Anwendung agiler Entwicklungsprozesse
  • Berücksichtigung architektur-zentrierter Entwicklung durch explizite Unterscheidung funktionaler und nicht-funktionaler Anforderungen
  • Klärung des Umfangs der SAM Process Area
  • Erweiterung der OT Process Area, um mehr abzudecken als Klassenraum-Schulungen

Übersetzungen

CMMI wurde bisher übersetzt in französich, deutsch, japanisch, spanisch, chinesisch und zuletzt portugisisch. Um es den Übersetzern einfacher zu machen, sollen in Zukunft englische Wörter ersetzt werden, die schwierig sind, in andere Sprachen zu übersetzen.

Appraisal-Effizienz

Das SCAMPI Upgrade Team wird versuchen, eine innovative Lösung dafür zu finden, die Vorbereitungszeit zur Anfertigung der Practice Implementation Indicator Documents (PIIDs) und der Appraisal-Zeit zu verkürzen. Außerdem sind die folgenden Verbesserungen geplant:

  • SCAMPI-Support für alle drei Modelle
  • Beseitigung von Fehlern in SCAMPI v1.2
  • Klärung der Bedeutung von Fokus- und Nicht-Fokus-Projekten, sowie Direct und Indirect Artifacts
  • Richtlinien für die Durchführungen in verschiedenen Unternehmensformen und –größen
  • Richtlinien für die konsistente Handhabung der GPs
  • Beseitigung von Fehlern bzgl. Characterization und Rating

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Thema High Maturity wohl einige Klärung erfahren wird, sowie die Effizienz von SCAMPI Appraisals verbessert wird. Weiterhin wird ein wesentlicher Fokus auf die Zusammenführung und Vereinheitlichung der drei Modelle gelegt. Grundlegende inhaltliche Änderungen sind nicht zu erwarten, so dass sich kein Unternehmen auf der Ausrede ausruhen auf die nächste Version zu warten ;-)