Ich befinde mich gerade auf dem drei-tägigen Seminar zur Vorbereitung für das Zertifikat zum Certified Professional for Requirements Engineering (CPRE) – Foundation Level. Das Seminar hatte ich im Januar auf der OOP am Stand der Sophist GmbH gewonnen. Fast nicht zu glaube, dass ich auch mal was gewinne.

„Die SOPHISTen“, wie sich die Mitarbeiter selbst nennen, sind bekannt als die Experten in Sachen Requirements Engineering. Gegründet wurde die Firma vor 15 Jahren durch Chris(tine) Rupp, Autorin zahlreicher Methodiken und Bücher wie etwa das sehr zu empfehlende Standardwerk Requirements-Engineering und -Management oder aber UML 2 glaskar.

Warum erzähl ich das, wenn ich doch eigentlich etwas zum CPRE schreiben will? Nun, durch den Jahresend-wir-haben-noch-Geld-Effekt vieler Firmen, sind alle Sophist-Trainer ausgebucht und so habe ich das Glück, dass die OberSOPHISTin höchstpersönlich das Training hält. Super spannend, zwischen den Folien ab und zu etwas von dem reichen Erfahrungsschatz abzugreifen. Schade, dass ich jetzt schon weiß, dass die ganzen Ideen, die ich mir notiere, aus Zeitgründen erstmal wieder im Off verschwinden werden.

However, Chris Rupp ist auch Hauptgestalterin des CPRE und damit sind wir wieder beim Thema. Das Zertifikat wird ausgegeben vom International Requirements Engineering Board (IREB), ein Gremium, das sich rechtlich als eingetragener Verein (e.V.) formiert und inzwischen international aktiv ist. Das IREB wurde 2007 von Chris Rupp gegründet; sie ist derzeit auch 1. Vorsitzende. Um dem IREB einen hohen Stellenwert zu verschaffen, wurden in das Board nur Mitglieder aufgenommen, die einen Namen in der RE-Szene haben und insofern einige Kriterien erfüllen (Buchauflagen über 10.000 u.ä.).

Man kann ohne Zweifel sagen, dass das CPRE-Zertifikat das international anerkannteste Zertifikat im Requirements Engineering ist. Auch wenn derzeit noch viele der Board Members aus Europa sind, werden CPRE-Kurse weltweit absolviert und dementsprechend in alle möglichen Sprachen übersetzt. Manche Staaten wie Malaysia haben CPRE an Universitäten eingeführt.

Vorbereitung

Auf der IREB-Website gibt es den offiziellen Lehrplan des Foundation Level zum Download; er ist gerade in Version 2.1 erschienen. Jeder Trainer darf den Lehrplan für Seminare verwenden; Trainingsanbieter sind in keinster Weise akreditiert.

Der Lehrplan listet alle Kapitel und Abschnitte auf mit der Benennung der beabsichtigten Lernziele und einer groben Erläuterung des Stoffes. Der Lehrplan kann insofern nur als Übersicht gelten; für ein Selbststudium ist er zu dünn.

Wer sich das Geld für ein Seminar sparen will, kann zum Buch greifen (siehe Abbildung). Das Buch gliedert sich in die neun Hauptthemen des Lehrplans und bietet einen hervorragenden Überblick zum Basiswissen im Requirements Engineering. Die Lehrinhalte sind wie folgt:

  1. Einleitung und Grundlagen. Warum RE?; Definitionen von Grundbegriffen; Einbettung in gängige Vorgehensmodelle; Grundlagen Kommunikationstheorie; die Rolle des Requirements Engineer; Arten von Anforderungen (funktionale, nicht-funktionale usw.)
  2. System und Systemkontext abgrenzen. Systemkontext, Systemgrenze, Kontextgrenze; Datenflussdiagramm (DFD); UML Use Case Diagramm
  3. Anforderungen ermitteln. Anforderungsquellen; Stakeholder; das Kano-Modell; verschiedene Ermittlungstechniken (Interview, Fragebogen, Brainstorming usw.)
  4. Anforderungen dokumentieren. Warum dokumentieren?; Struktur-, Funktions- und Verhaltensperspektive; natürlichsprachliche vs. modellbasierte Dokumentation; Standardgliederungen von Anforderungsdokumenten; Gliederungen von nicht-funktionalen Anforderungen, Randbedingungen, Qualitätsanforderungen; Qualitätskriterien (bewertet, eindeutig, korrekt usw.); Glossar
  5. Anforderungen natürlichsprachlich dokumentieren. Probleme der Kommunikation; Transformationseffekte (Tilgung, Verzerrung, Generalisierung); Satzschablone (Requirement Template)
  6. Anforderungen modellbasiert dokumentieren. Modellbegriff; Zielmodelle (natürlichsprachlich, Und-Oder-Bäume); UML Use Case Diagramme (Use Case, Akteur, Systemgrenze, include/exclude-Beziehung); Use Cases Spezifikation (Vorbedingung, Ergebnis usw.); Strukturperspektive mit UML Klassendiagrammen (Assoziation, Generalisierung, Aggregation/Komposition, Multiplizitäten) und Entity-Relationsship-Diagrammen (Entitätstyp, Beziehungstyp, Attribut, Kardinalitäten); Funktionsperspektive mit UML Aktivitätsdiagrammen (Aktion, versch. Knoten, Fork/Join usw.) und Datenflussdiagrammen (Prozess, Terminator, Datenspeicher, Datenfluss); Verhaltensperspektive mit UML-Zustandsdiagrammen (Zustand, Ereignis, Bedingung, Eintrittspunkt, Super-/Subzustand)
  7. Anforderungen prüfen und abstimmen. Ziele von Prüfungen (d.h. Reviews); Qualitätsaspekte von Anforderungen (Inhalt, Dokumentation, Abgestimmtheit); Prinzipien der Prüfung von Anforderungen; Techniken zum Prüfen (Stellungnahme, Walkthrough, Inspektion); Konfliktmanagement bei der Abstimmung von Anforderungen
  8. Anforderungen verwalten. Attribute von Anforderungen (Priorität usw.); schablonenbasierte Attributierung; verschiedene Attributtypen; Sichten auf Anforderungen; Priorisierung von Anforderungen; Verfolgbarkeit (Traceability) von Anforderungen; Versionierung von Anforderungen (Versionsnummern, Konfigurationen, Basselines); Anforderungsänderungen (CCB, Änderungsantrag, Impact-Analyse
  9. Werkzeugunterstützung. allgemein, Modellierungs-Tools, Requirements Management Tools, Einführung von Tools

Schwierigkeitsgrad

Ich mache die Prüfung erst morgen, daher kann ich mir noch nicht wirklich ein abschließendes Urteil erlauben, aber die Übungsfragen während des Seminars waren für mich alle ohne große Probleme zu beantworten.

Wer nicht erst seit gestern Anforderungen spezifiziert oder in ähnlicher Mission unterwegs ist und vielleicht schon mal in das ein oder andere Buch hineingeschaut hat, dem werden die meisten der vorgestellten Konzepte schon mal begegnet sein.

Ein großer Schwerpunkt der Prüfung liegt wohl auf dem modellbasierten Dokumentieren mit UML. Wer schon mit UML modelliert hat, braucht hier nichts zu fürchten; es werden nur die grundlegenden Elemente verwendet. Man muss aber schon wissen, was ein Use Case-, Klassen-, Aktivitäts- und Zustandsdiagramm ist, welche Elemente es enthält und wofür man es im Rahmen des modellbasierten RE einsetzt.

Es ist ein Multiple-Choice-Test. Die Fragestellungen lauten etwa

  • Welches sind die beiden wahrscheinlichsten Gründe…? (zwei Kreuzchen machen)
  • Welche der folgenden Aussagen ist falsch? (ein Kreuzchen machen)
  • Welche drei der folgenden… sind nicht…? (drei Kreuzchen machen)
  • Kreuzen Sie ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ an für die folgenden Aussagen! (für jede Aussage ein Kreuzchen machen)

Ein Frage bringt unterschiedlich viele Punkte. Bringt eine Frage bspw. 3 Punkte, zählt jedes richtige Kreuz 1/3 Punkt; für jedes Kreuz, das aber falsch gesetzt wurde, wird wieder 1/3 Punkt abgezogen. Man kann für eine Frage keine Minuspunkte bekommen, aber, wenn zwei Kreuzchen korrekt sind und eins falsch, bekommt man für die Frage nur 1 Punkt. Raten lohnt also nicht!

Man hat für 45 Fragen 75 Minuten Zeit. Das ist nicht übermäßig viel, wenn man bedenkt, dass manche Fragen zunächst mal in 15 Zeilen Prosatext die Fragestellung einleiten. Mit 60% hat man bestanden.

Dann mal viel Erfolg!

, , , ,