Szenario Risikomanagement – Risiken nicht akzeptieren

Sie fragen ein Projektmitglied nach seiner Meinung zu möglichen Risiken bei der Umsetzung einiger Anforderungen und bekommen als Antwort, dass es keine Risiken gebe und dass schon keine Probleme auftreten werden. Auf Nachfrage wird Ihnen mitgeteilt, dass Sie sich keine solchen Sorgen machen sollen und dass „wir das schon schaffen werden!“. Bei der Umsetzung stellt sich dann heraus, dass die Umsetzung wesentlich mehr Aufwand in Anspruch genommen hat, als ursprünglich geplant. Das befragte Projektmitglied hat dabei Überstunden gemacht und sein bestes gegeben, um den Termin zu halten. Der erhöhte Aufwand ist offensichtlich die direkte Folge einer allzu optimistischen Einschätzung der Ausgangssituation.

Der Keirsey-Typ, auf den das anpackende, selbstbewusste, Risiken ignorierende Wesen des Projektmitglieds gut passt, ist der „Promoter“. „Promoter“ werden von Herausforderungen und Risiken geradezu angezogen. Wenn sie eine Grenze finden, dann wollen sie diese überschreiten. Während die Aussage „Das Schaffst du nicht!“ andere Typen abschreckt, erhält dieser Typus noch zusätzlichen Ansporn. Wird ein solches Projektmitglied mit einer Aufgabe konfrontiert, so strebt er danach, sie umzusetzen und ist dabei scheinbar nicht bereit oder nicht in der Lage, sorgfältig zu planen oder Pläne anderer zu befolgen. „Promoter“ neigen dazu, sich und ihre Fähigkeiten, ebenso wie die der Teams, in denen sie agieren, zu überschätzen und potentielle Probleme zu ignorieren. Dies kann dazu führen, dass sie irgendwann von der Realität eingeholt werden und erkennen müssen, dass die Umsetzung der Anforderungen doch aufwändiger ist, länger dauert und mehr kostet als geplant. Darunter leidet dann das gesamte Projekt.

Folgende Vorgehensweisen helfen Ihnen den „Promoter“ gewinnbringend in Ihren Requirements Engineering Prozess einzubinden:

  • Bei der Frage nach Risiken fordern Sie konkrete und messbare Gründe für seine optimistische Einschätzung. Diese Vorgehensweise gibt Ihnen die Möglichkeit, die Gründe für seine Einschätzung besser zu bewerten.
  • Rechnen Sie bei den Abschätzungen dieser Person immer einen Risikoaufschlag drauf. Hierbei sollten Sie auch den Input anderer Mitarbeiter einholen (z.B. in Reviews/Expertenschätzungen).
  • Zeigen Sie immer wieder auf, dass die übergeordneten Ziele nur dann im zeitlichen und finanziellen Rahmen erreicht werden können, wenn alle Risiken bekannt sind.
  • Lassen Sie dieser Person Ihren Freiraum, denn solche Menschen fungieren als Katalysatoren und Motivatoren innerhalb der Gruppe. Insbesondere in scheinbar ausweglosen Situationen sind sie oftmals in der Lage, das Projekt zu einem guten Ende zu führen.
  • Überantworten Sie diesen Menschen äußerst zeitkritische Aufgaben, die ein systematisches und planmäßiges Vorgehen nicht erlauben.

Wenn Sie ehrliche Aussagen zu potentiellen Risiken von Menschen diesen Schlags bekommen wollen, dann:

  • Stellen Sie Probleme nicht als Herausforderungen dar. Dies führt dazu, dass es dann aus Sicht der Person tatsächlich nur noch Herausforderungen, aber keine Risiken mehr gibt.
  • Weisen Sie nicht daraufhin, dass bestimmte Anforderungen schnell umgesetzt werden müssen. Die Konsequenz ist dann nur, dass die Anforderung dann erst recht keine Risiken aus Sicht der Person mehr birgt.

[1] D.Keirsey: Please Understand me II, Prometheus Nemesis, 1998
[2] www.personalitypage.com

Dieser Gastbeitrag wurde von Paul Roux-Wentzel in Zusammenarbeit mit Christian Hertneck erstellt.